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Der Hokuspokus-Handel: Esoterik, Marketing und rechte Ideologien

Der dritte Teil der Serie „Geschäfte mit der Angst“ befasst sich mit Verlagen, Versänden und Läden im Rhein-Main-Gebiet, die rechte Verschwörungsmythen (nicht nur) zur Corona-Pandemie verbreiten. Wir haben uns in den vergangen Wochen unter anderem die Sortimente etlicher Verlag, Buchläden und Versandhandlungen in der Region angesehen und sind auf einer Esoterik-Messe gewesen. Für diesen Artikel haben wir uns auf Beispiele beschränkt, bei denen das Zusammenspiel zwischen Esoterik, Verschwörungsdenken und rechten Ideologien besonders deutlich wird.

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Die Mobilisierungskraft schwindet: Die Corona-Rechten von April bis Juni 2022

Die Aktivitäten der Corona-Rechten in Frankfurt nahmen in den vergangenen Wochen weiter ab. Die Demonstrationen in den Stadtteilen, die zeitweise in Bockenheim, dem Gallus, Heddernheim, Sachsenhausen, Höchst und Bornheim stattfanden, sind nun weitestgehend eingestellt. Nur montags und samstags finden noch Demonstrationen in der City statt. Die Samstagsdemonstration erreicht noch dreistellige Teilnehmer*innenzahlen; sie liegt derzeit zwischen 250 und 300 Personen. Die Außenwirkung ist dadurch stark begrenzt, das geschäftige Treiben in der Frankfurter Innenstadt an den Samstagen wird kaum mehr gestört. Zeitweise versucht man, mit langen Routen, die teils mehrfach Römer und Paulsplatz umrundeten, sichtbarer zu werden.

Die Demos wirken zunehmend eingefahren und mutlos. Es scheint kaum zu gelingen, gegen die schwindende Motivation der eigenen Anhänger*innenschaft zu wirken: So wird zu Beginn der Aufzüge mitunter eine halbe Stunde benötigt, Personen zu finden, die Flugblätter verteilen oder das Front-Transparent tragen. Offenbar sind größere Überredungskünste nötig, um Menschen dafür zu gewinnen. Die Inszenierung der Sargträger*innen (siehe letztes Update) wurde reduziert und findet manchmal gar nicht mehr statt.

Bargeldabschaffung, Waffenlieferungen an die Ukraine, Energiekrise, Corona-Politik und manches mehr sind nach Ansicht der Corona-Rechten nur verschiedene Facetten einer Verschwörung von „Kriegsstrategen“. Die Transparente wurde auf der Demonstration der Corona-Rechten am 4. Juni 2022 in Frankfurt gezeigt.

Wie bereits im vergangenen Jahr versucht man der schwindenden Mobilisierungskraft durch größere, zentrale Events zu begegnen. Die Aktionen um das Hambacher Schloss am 28. Mai, als weißgekleidete Verschwörungs-Demonstrant*innen ein „Demokratiefest“ belagerten und stürmten, künden davon ebenso wie der großspurig angekündigte, angeblich europaweit mobilisierte „Million March“, der am 25. Juni in Frankfurt stattfinden soll.

Neue Etiketten

Das Etikett einer „Friedensdemonstration“ und einer „Friedensbewegung“ setzt sich bei den Corona-Rechten in Frankfurt nicht durch. In den Reden und auf Transparenten wird nur vereinzelt auf den Krieg gegen die Ukraine eingegangen, wobei nach wie vor die Positionierung pro Putin, bzw. die Übernahme staatlicher russischer Propaganda, dominiert. Ansonsten erschöpft sich das Eintreten für Frieden in Symbolik und Phrasen.

Pro-Russland- und Pro-Putin-Positionen im Krieg gegen Ukraine werden von einem Anhänger der Gruppe Widerstand 4.0. antifaschistische verpackt, hier auf 23. April 2022 auf einer Demonstration der Corona-Rechten in Frankfurt. Foto: ASVI

Die Inszenierung mit Peace-Fahnen und Friedenstauben dürfte jedoch ein Grund sein, dass sich  Gruppen, die explizit der extremen Rechten zugehören, in den letzten Wochen sukzessive aus dem Frankfurter Demonstrationsgeschehen zurückzogen: In den Augen rechter Rocker, der AfD oder der Identitären Bewegung mag es zu hippiesk erscheinen, was sich da auf den Straßen Frankfurts sammelt. Auch die Gadsden Flags, Symbol eines rechten „Libertarismus“ (siehe Update „Die Corona-Rechten im Februar 2022“), sind verschwunden. Selbst die Gruppierung StudentenStehenAuf, die im Milieu der Corona-Rechten entstand, wird nur noch von einzelnen Personen repräsentiert.

Am 4. Juni wurde die Route geändert und der Akzent verschoben. Die Demonstration führte an der Europäischen Zentralbank vorbei, wo eine Rede gehalten wurde. Die EZB gerät in den Fokus, da sie in den Augen der Corona-Rechten die Abschaffung des Bargelds forcieren würde und an der Inflation schuld sei. Darin mag mehr als ein Korn Wahrheit stecken, doch findet sich in den Aussagen der Corona-Rechten nicht einmal ein Spurenelement einer Kritik am Kapitalismus. Auch soziale Themen bleiben nach wie vor komplett außen vor. Stattdessen werden die Themen Corona-Politik, Krieg gegen die Ukraine, Energiekrise, Nahrungsmittelknappheit, Inflation, angebliche Bargeldabschaffung und manches mehr zu einem Verschwörungsbrei zusammengerührt, wonach alles von einer „globalistischen Elite“ planvoll gesteuert würde.

Aber auch das Thema EZB ist bisher nur ein Nebenschauplatz. In der Woche darauf erklangen wieder Parolen für und gegen die verschiedensten Themen. Auch Anti-Abtreibungs-Parolen waren zu hören, schließlich sind Schwangerschaftsabbrüche in den Augen einiger Verschwörungsfans ein bloßes Mittel der Herrschenden zur Bevölkerungskontrolle und nicht etwa Ausdruck körperlicher Selbstbestimmung von Schwangeren.

Doch grundsätzlich dreht sich der Output der Demos weiterhin im Wesentlichen um das Thema Corona. Wenn gleichzeitig die CoViD-bedingten staatlichen Maßnahmen weitgehend zurückgefahren werden, wird schnell klar, warum die Teilnehmer*innenzahlen sinken: Samstagnachmittage lassen sich doch schöner verbringen als auf den nicht enden wollenden Demos, bei denen sich der Öffentlichkeit gar nicht mehr vermittelt, wogegen eigentlich protestiert wird.

Souveränismus gegen den Westen

Der Vergleich zu den „Montagsdemos“ und „Friedensmahnwachen“ um das Jahr 2014 drängt sich unmittelbar auf. In den Reden und auf den Plakaten erfolgt eine eindeutige Positionierung gegen die NATO, den Westen und Waffenlieferungen an die Ukraine. Es dominiert die Ansicht, dass die deutsche Politik immerfort von fremden Interessen und Mächten geleitet werde und dass Deutschland gar kein selbstbestimmtes, souveränes Land sei. Wenn dies zum Narrativ und zum zentralen politischen Inhalt wird, lässt sich von einer Ideologie des Souveränismus sprechen.

Dieser mit Ressentiments geladene Souveränismus integriert den Antiamerikanismus von Rechten und Friedensbewegten und schlägt die Brücke zur Reichsbürger-Ideologie. Voller Polemik wird gegen jede supranationale Organisation gewettert, egal ob die NATO, die Vereinten Nationen oder die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Diese Organisationen geltenausschließlich als Werkzeuge einer „globalistischen Elite“ zur Errichtung einer „Neuen Weltordnung“.

Als beispielhaft für die souveränistische Ausrichtung der Corona-Protestszene mag der skurrile Auftritt der Gruppierung Unsere Verfassung auf dem Frankfurter Paulsplatz am 11. Mai 2022 gelten: Eine Gruppe von Künstler*innen unter der Führung des Berliners Ralph Boes hatte angekündigt, in Leinenkutten und mit nicht mehr als einem Handkarren vom Berliner Reichstagsgebäude zum Karlsruher Verfassungsgericht zu laufen. Der Grund: „Unser Grundgesetz ist keine Verfassung! Weil es nicht vom Volk entschieden worden ist“ (Hervorhebungen im Original). Eine Volksabstimmung soll daher her, für eine neue Verfassung, „zur Erlangung unserer vollen Souveränität“. Das ist zwar kein Reichsbürger-Denken, denn der Bezug auf das Deutsche Reich fehlt. Aber es ist nah dran: Die Legitimität des Grundgesetzes wird in Zweifel gezogen und es als Symbol der Fremdbestimmung gedeutet. Als Alternative kommt nur eine neue Ordnung in Betracht.

Thomas Gauer von der Gruppierung Beweg Was am 11. Mai 2022 bei der Frankfurter Empfangskundgebung für die Reisegruppe von Unsere Verfassung. Foto: Doku.Netzwerk Frankfurt

Bei der Suche nach Unterkünften für die Reisenden von Unsere Verfassung half in Hessen der Linkspartei-Politiker Diether Dehm. Das Frankfurter Empfangskomitee am 11.Mai bestand aus knapp 70 Personen, darunter Christoph Barth von Querdenken615 aus Darmstadt und Thomas Gauer, führende Person der Gruppe Beweg Was. Beweg Was war 2018 als rechte Initiative entstanden, die sich vor allem gegen die staatliche Migrationspolitik wendete und das Bündnis mit der extremen Rechten nicht scheute. Schon zu Beginn der Corona-Proteste sprang Beweg Was auf diesen Zug auf und führte mit Schwerpunkt in Frankfurt „Schweigemärsche“ gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen durch.

„Wahrheit“ als treibendes Motiv

Es sind nicht nur Corona-Maßnahmen, Frieden und Selbstbestimmung, die die Demogänger*innen umtreiben. Die samstäglichen Aufzüge werden inzwischen als „Demo für Frieden, Freiheit und Wahrheit“ angekündigt, wobei die Betonung mittlerweile auf dem Wort Wahrheit liegt. So versucht sich die Szene als eine „Wahrheitsbewegung“ zu inszenieren.

Die unvermeidliche Ingrid Reich aus Neu-Anspach (siehe vorangegange Updates) verkündet und fordert einmal mehr die Wahrheit. Hier auf der Demonstration der Corona-Rechten am 28. Mai 2022 in Frankfurt. Foto: ASVI

Die Wahrheit ist hingegen das, woran man selbst glaubt. Hier mischen sich Selbstgefälligkeit und Beseeltheit von den Erkenntnissen, die man aus den eigenen Echokammern saugt. In diesem Zusammenhang wird immer wieder der Bogen zu den öffentlich-rechtlichen Medien geschlagen, die bezichtigt werden, bewusst Wahrheiten zurückzuhalten und Teil der großen Verschwörung zu sein. In Reden und auf Plakaten werden Kampagnen gegen die GEZ-Gebühren beworben, auch der Terminus von der „Lügenpresse“ taucht immer wieder auf.

Immer wieder Holocaust-Vergleiche

Die Frankfurter Rundschau berichtete in ihrer Ausgabe vom 30. Mai über einen antisemitischen Vorfall, der sich bei der Samstags-Demonstration am 28. Mai an der Alten Brücke ereignete. Ein Teilnehmerin hatte – so die FR – von der großen Weltverschwörung geredet und davon, dass sie genauso verfolgt würden wie Jüd*innen im Holocaust. Daraufhin wurde die Rednerin von einer Jüdin, die zufällig vor Ort war, aufgrund dieser Verhöhnung der Shoah laut als Antisemitin benannt. Die Frau berichtete der FR: „Sofort haben mich einige bedrängt, sind mit ihren Plakaten an mein Gesicht. Das war unglaublich. Ich hatte richtig Angst vor diesen Leuten. […] Ohne Polizei wäre ich mit Sicherheit auch körperlich attackiert worden, weil ich die Aussagen, der ,Querdenker‘ laut kritisiert habe.“

Die Erfahrung ist nicht neu. Die Corona-Rechten, die doch die ausschließliche Wahrheit für sich beanspruchen, ertragen keine Widerrede und keinen Dissens. Die Reaktion auf ihre Kritiker*innen ist in der Regel höhnisch, überheblich, zornig und oft auch aggressiv.

Das nächste Thema wird schon vorbereitet. Plakat am Lautsprecherwagen auf der Demonstration der Corona-Rechten in Frankfurt am 4. Juni 2022. Foto: ASVI

Noch längst keine Entwarnung

Es ist zu früh, die Corona-Rechten abzuschreiben. Bereits im vergangenen Jahr waren mit dem Beginn der warmen Jahreszeit die Demonstrations-Aktivitäten der Corona-Rechten stark zurückgegangen – und sie kamen im Herbst mit dem Beginn einer neuen Coronawelle und neuen staatlichen Maßnahmen mit voller Wucht zurück. Und etwas ist anders als im Vergleich zum letzten Jahr: Es haben sich nun über Monate viele Leute kennengelernt und vernetzt. Sie wissen wie viele und wie stark sie sein können. Sie haben gemeinsam politische Erfahrung und Knowhow gesammelt und Strukturen geschaffen. Diese müssen bei Bedarf nicht mehr mühsam aufgebaut sondern womöglich nur noch reaktiviert werden. Antifaschist*innen sollten nicht den Fehler machen, das Kapitel der Corona-Rechten zu schließen und die Bewegung aus den Augen zu verlieren. Immerhin entsteht derzeit in diesem Milieu eine regelrechte Projekte-Landschaft aus eigenen Schulen, Genossenschaften, Firmenverflechtungen sowie Wohn- und Siedlungsinitiativen, die die Stärkung rechter Infrastruktur zur Folge haben wird.

Auch im Umland findne nach wie vor Demonstrationen von Impfgegner*innen und Pandemie-Leugner*innen statt. Eine rechte Teilhabe ist dort häufig deutlicher zu erkennen. So wurde nach Auskunft ein „Aufzug mit Musik und Kundgebung“ am 21. Mai 2022 in Bad Nauheim von Jochen Amann aus Büdingen (Wetteraukreis) angemeldet. Amann war 2021 bei den Kommunalwahlen auf der Liste der AfD ins Büdinger Stadtparlament eingezogen und sitzt dort heute als fraktionsloser Abgeordneter. Die Nähe von Amann zu Neonazis wurde im März 2022 deutlich. Amann hattte gegen die Stadt Ortenberg (Wetteraukreis) geklagt, die die von ihm angemeldete Route eines „Spaziergangs” gegen die Corona-Maßnahmen nicht genehmigt hatte. In diesem Rechtsstreit wurde Amann durch den Anwalt Peter Richter vertreten, der stellvertretender Vorsitzender der NPD im Saarland ist. An der Demonstration am 21. Mai in Bad Nauheim nahmen über 300 Personen teil. Das Bild zeigt den AfD-Landesvorsitzenden Andreas Lichert (mit Fahrrad) und links in der Kleidung der Marke Thor Steinar Manuel Mann, der in der Vergangenheit einer der führenden Neonazis im Raum Marburg war. Foto: ASVI
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Der Professor des Sonnenvitamins und der Nebelkerzen

Im zweiten Teil unserer Artikelserie „Geschäfte mit der Angst“ geht es um jene Angstmacher, die sich bewusst in Graubereichen bewegen. Ihr Kunstgriff: Sie setzen den kleinen Wahrheitsgehalt ihrer Erzählungen so geschickt ein, dass die großen Übertreibungen und Verzerrungen nicht mehr leicht zu erkennen sind. Dabei sind ihre Techniken und Methoden kaum von denen der Verschwörungserzählungen zu unterscheiden. Unser Beispiel: Der Vitamin verkaufende Professor aus dem Rhein-Main-Gebiet.

Das Sonnenvitamin

Manchmal führt das Geschäft mit der Angst direkt ins Reich der absurden Geschichten. Manchmal aber auch in den Nebel. Nämlich dann, wenn Geschäftemacher das Körnchen Wahrheit in ihren Geschichten ausnutzen, um ihren angstschürenden Verzerrungen ein Seriositätsmäntelchen umzuhängen. Was Vitamin D mit den Corona-Rechten in Frankfurt zu tun hat.

Der Techno-DJ Peter Rubach aus dem Frankfurter Gallusviertel wirft sich ins Zeug. Anlässlich einer Demonstration gegen die Coronaauflagen im November 2021 hat er sich mit seinem DJ-Pult im Rothschildpark aufgebaut. Rund 2.500 Demonstrierende sind gekommen, Rubach unterhält sie mit lockerer Musik und streut Pandemie-verharmlosende Beiträge ein. Auf seinem DJ-Pult präsentiert er neben einer schwarzen Darth-Vader-Büste einige Vitaminpräparate.

Früher war Rubach mal im Protest gegen die Flughafenerweiterung und bei Occupy aktiv. Heute ist er bei den „Corona-Rebellen“. Er erzählt, es gebe da einen Wissenschaftler in Wiesbaden, ein besonders toller Mann, den wolle er empfehlen. Der habe festgestellt, dass Vitamin-D-Mangel, „den wir alle haben“, zuständig sei für „alle schlimmen Krankheiten“: Krebs, Autoimmun- und Darmerkrankungen und Diabetes. Was der sage, könne jeder verstehen, der spreche nicht nur Latein wie die Schulmedizin. Es sei erwiesen, so Raubach über den Lautsprecher, dass man über die Haut nicht genug Sonnenvitamin D3 produziere: „Wir müssen es supplementieren, da kann man auch Wissenschaftler anhören.“

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Die Corona-Rechten im März 2022

Sargträger*innen bilden den Frontblock der Samstags-Demonstration in Frankfurt. Foto: ASVI

Update über die Corona-Rechten in Frankfurt im März 2022 bis einschließlich 4. April 2022

Was sich schon im Februar angedeutet hatte, setzte sich im März fort: Die Anzahl der Teilnehmenden der Auftritte der Corona-Rechten in Frankfurt geht zurück. Auf den „Spaziergängen” in den Stadtteilen nehmen kaum mehr als 40 Personen teil, die Aufzüge an der Messe (Dienstag) und Bornheim (Donnerstag) wurden ganz eingestellt. Zum „Montagsspaziergang” in der City kommen noch um die 100 Personen, dort ist stets auch eine Anlage aufgebaut und es werden längere, teils ermüdende Reden gehalten. Auch in Orten um Frankfurt herum finden weiterhin „Spaziergänge” statt. In Königstein, Bad Homburg, Bad Soden und Oberursel mobilisierten diese im März zwischen 80 und 200 Personen.

Die Anzahl der Teilnehmenden der Samstag-Demonstrationen in der Frankfurter City lag in den letzten Wochen zwischen 1.000 und 1.500. Am 2. April waren es noch knapp 1.000, obwohl die samstägliche Demonstration in Freiburg im Breisgau, das seit zwei Jahren ein Hotspot der Corona-Rechten ist, abgesagt worden war und daraufhin aus ganz Südwestdeutschland nach Frankfurt mobilisiert wurde.

Es war nicht zu erwarten gewesen, dass sich mit dem ersehnten „Freedom-Day” am 20. März und dem damit verbundenen Wegfall vieler Beschränkungen der „Corona-Protest” schnell auflösen würde. Ein harter Kern hält unvermindert an den Stadtteil-Aufzügen und Samstag-Demonstrationen fest. Und es erklingt kaum eine Rede, ohne dass eindringliche Durchhalte-Parolen ins Publikum gesendet werden.

Prorussische Positionen im Ukraine-Krieg

Der Krieg gegen die Ukraine spielt in den Reden auf den Frankfurter „Corona-Protesten” kaum eine Rolle und erschöpft sich in allgemeinen Floskeln, mit denen man sich als Friedensbewegung aufzustellen versucht. Die Aufrufe, russische und ukrainische Fahnen zu zeigen, fruchteten nicht und sind seit Wochen verstummt. Parteinahme und Empathie für die Menschen in der Ukraine sind nicht zu vernehmen, stattdessen immer wieder Bekenntnisse zu Russland und Putin. So werden beispielsweise Russland-Fahnen mit dem Staatswappen gezeigt und Flugblätter verteilt, die den „Wirtschaftskrieg des Westen gegen Putin” geißeln und behaupten, dass der „Krieg in der Ukraine” nur eine Fassade sei, „hinter der ein ganz anderer Krieg geführt” werde.

In Chatgruppen der Corona-Rechten machen derzeit Verschwörungserzählungen die Runde, die den Krieg in der Ukraine in den QAnon-Mythos integrieren. Demnach sei Putin in die Ukraine eingerückt, da diese das „Epizentrum der satanischen Operationen der Kabale” sei, was meint eines vom Westen gesteuerten Ring von Pädokriminellen. Dies wird mit dem ersten Impeachmentverfahren gegen Donald Trump verknüpft. Denn im Jahr 2019 hatte Trump versucht, die ukrainische Regierung dazu zu drängen, Korruptions-Ermittlungen gegen Joe Biden und dessen Sohn aufzunehmen, um Biden damit im Präsidentschaftswahlkampf zu schaden.

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Vortragsreihe: Linke Perspektiven auf die Pandemie

Nach 2 Jahre Pandemie scheint nun bei einem Rekordhoch an Infektionszahlen das Ende der Pandemie mit einem Freedom-Day eingeläutet zu werden.
Die Menschen strömen in die Büros, die Masken fallen und eine allgemeine Erleichterung trotz mulmigen Gefühl macht sich breit. Die Corona-Rechten wissen nicht recht, ob sie es als eigenen Erfolg feiern sollen und wo sie sich als nächstes in ihrer ganz persönlichen Freiheit beschränkt fühlen können.
Diese Pandemie ist sicherlich noch nicht vorbei, genau so sicher ist außerdem, dass dies kein einmaliges Ereignis sein wird. Sicher ist auch, dass die ausbeuterischen Verhältnisse im Gesundheitswesen und anderen Bereichen nicht durch Klatschen und Einmalzahlungen behoben wurden. 
Es lohnt sich also einen Blick auf die Ursprünge zu werfen und linke Perspektiven zu diskutieren. Dazu laden wir zu der Veranstaltungsreihe „Die Lösung ist einfach, naheliegend und unter kapitalistischen Verhältnissen völlig utopisch: linke Perspektiven zur rechten Zeit“ ein. 
Nach den Vorträgen gibt es bei einem Getränk noch die Möglichkeit weiter zu diskutieren.
30.03., 19 Uhr, Cafe KoZ, Nadja Rakowitz – Ökonomisierung des Gesundheitssystems
        Seit vielen Jahren wird das Gesundheitssystem in Deutschland immer stärker der kapitalistischen Verwertungslogik unterworfen. Wie es dazu kam und wie eine links radikale Gesundheitspolitik aussehen könnte, berichtet uns Nadja Rakowitz.
13.04., 19 Uhr, Cafe KoZ, Matthias Martin Becker – Ökologie und Kapitalismus
        Die Vorstellung, dass die Covid-19 Pandemie eine Naturkatastrophe sei, welche aus heiterem Himmel über die Menschheit kam oder auch die These, dass das Virus aus einem Labor in Wuhan stamme, sind vor allem Versuche jedwede Hinweise auf systemische Zusammenhänge zwischen Ökonomie, Landwirtschaft und dem Entstehen von Pandemien kategorisch auszuschließen. Mit Matthias Martin Becker möchten wir an diesem Abend auf eben jene Zusammenhänge eingehen  und uns der Frage nähern warum solche Pandemien eben nicht einfach so vom Himmel fallen.
20.04., 19 Uhr, Cafe KoZ, Aufklärung statt Verschwörungsideologie – Das Milieu der Corona-Rechten
        Auf den Demos der Corona-Rechten lassen sich unterschiedlichste Formen von Verschwörungsideologien und reaktionärer Narrative beobachten. Mit solchen immer wiederkehrenden Erklärungsmustern der Rechten gegenüber der Corona Pandemie wird sich an diesem Abend der Vortrag von ASVI (Aufklärung statt Verschwörungsideologien) beschäftigen
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Geschäfte mit der Angst: Wie Rechte an und in Krisen Geld verdienen

Vorbemerkungen

Unsere Betrachtung der „Geschäfte mit der Angst“ konzentriert sich auf Beobachtungen im Frankfurter Raum. Die Serie gliedert sich in fünf Teile, die wir in Abständen von mehreren Wochen veröffentlichen.

Der erste Teil beschäftigt sich mit dem betrügerischen Geschäftsmodell der Reichsbürger-Organisation „Königreich Deutschland“ und mit selbsternannten Gesundheitsexpert*innen, die dem „Königreich“ angehören oder nahe stehen. In einem folgenden Teil blicken wir am Beispiel eines Mediziners in den Graubereich, wo seriöse Wissenschaft und Scharlatanerie zusammenfließen. Ein weiterer Text handelt von Verlagen, Versänden und Läden, die rechte Verschwörungsmythen (nicht nur) zur Corona-Pandemie verbreiten. Das Geschäft mit der Angst betreiben auch rechte Crash-Propheten, die immer wieder den bevorstehenden Zusammenbruch des wirtschaftlichen Systems prophezeien und Menschen von Geldanlagen überzeugen, bei denen sie selbst am besten verdienen. Thema sein werden auch AnhängerInnen der extrem rechten Anastasia-Gemeinschaften, die über Crowdfunding Gelder einsammeln, um Grundstücke und Immobilien für völkische Siedlungen erwerben.
Die Reihenfolge der Artikel werden wir kurzfristig festlegen.

Wir betonen, dass wir keine Fachleute in den Bereichen Medizin, Gesundheit und damit zusammenhängenden Pseudowissenschaften sind. Wir verweisen auf Psiram (früher Eso-Watch) und MedWatch, deren Internetseiten zu fast allen hier erwähnten Personen und Themen fundierte Hintergrundinformationen bieten. Von ihnen haben wir manches übernommen und wir bedanken uns an dieser Stelle für ihr wichtiges Engagement.

Eine vollständige Betrachtung von rechter Esoterik, Reichsbürgern und Verschwörungsideolog*innen im Frankfurter Raum, ihren Gruppen, Läden, Verlagen, Medien- und Beratungsangeboten können wir im aktuellen Zusammenhang nicht leisten. Es wäre ein Projekt von vielen Monaten. Wir haben uns darauf beschränkt, zu relevanten Themen Beispiele herauszugreifen.

Wie immer sind wir dankbar für weitergehende Informationen, schreibt uns an!


Geschäfte mit der Angst: Wie Rechte an und in Krisen Geld verdienen

Esoteriker*innen, Crash-Propheten, Reichsbürger und völkische Sekten: Unter den Corona-Rechten im Raum Frankfurt agieren Gruppen und Personen, die neben politischen auch lukrative finanzielle Interessen verfolgen. Sie arbeiten mit Heilsversprechen und bedienen die Sehnsucht der Menschen Geltung, Gemeinschaft und einfachen Lösungen.

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Die Suche nach Seelenheil und neuem Leben

Dieser erste Teil unserer Artikelserie „Geschäfte mit der Angst“ beschäftigt sich mit dem betrügerischen Geschäftsmodell der Reichsbürger-Organisation „Königreich Deutschland“ und mit selbsternannten Gesundheitsexpert*innen, die dem „Königreich“ angehören oder nahe stehen.

Germanische Rohkost-Küche

Der Frankfurter David Ekwe-Ebobisse ist ein Verfechter von Rohkost und veganem Lebensstil. Er vermarktet sich als „Mr. Raw“ und „Dr. Raw“, nennt sich Gesundheitsexperte, Ernährungsberater, Fitness-Trainer, Life Coach, Potentialentfaltungscoach oder einfach nur Heiler. Er ist Videoblogger und betreibt einen Naturkost-Versand, der neben veganen „Superfoods“ noch allerlei Tinnef anbietet, mit denen sich Esoteriker*innen ein gutes Lebensgefühl (teuer) erkaufen, wie zum Beispiel „afrikanische Wundercreme“ oder „Vita-Chips zum Schutz vor elektromagnetischer Strahlung“. Für seine Kundschaft erstellt er „Ernährungs- und Trainingspläne“, führt bei ihnen „Bio-Scans“ durch und bietet Kurse und „Personal Trainings“ zu Themen von Ernährung und Gesundheit an. Er macht Geschäfte selbst mit der Hoffnung und Verzweiflung von schwerkranken Menschen, denen er vorgaukelt, dass Gemüsesäfte aus seinem Sortiment Krebs heilen könnten. Auch hat er im Eigenverlag drei Bücher herausgegeben, in denen er nicht weniger präsentiert als eine „Weltgesundheitsformel“ für ein „harmonisches und ganzheitlich gesundes Leben“. In seinen zahlreichen Videos, einzusehen auf YouTube, erweist er sich als narzisstischer Selbstdarsteller und Hochstapler, der geradezu beseelt ist von seinem ergoogelten Pseudo-Wissen und sich voller Überheblichkeit über andere Meinungen und Lebensentwürfe stellt.

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Die Corona-Rechten im Februar 2022

Ein Rückblick auf die Proteste der Corona-Rechten in Frankfurt zwischen dem 29. Januar und dem 2. März.

Dominik Asch (AfD/JA) am Fronttransparent der Demonstration der Corona-Rechten am 12. Februar 2022 in Frankfurt. Foto: Konstantin Hirsch

In diesem Update werfen wir einen Blick auf die Entwicklungen bei den Demonstrationen der Corona-Rechten in Frankfurt in den vergangenen Wochen. Kurz zusammengefasst: Die Anzahl der Teilnehmenden geht zurück, das Aggressionspotential nimmt derweilen zu, neue Gruppen und Strömungen stellen sich auf und über sinnentleerte „Faschismus“-Vorwürfe gegen Staat, Konzerne und selbst gegen antifaschistische Aktivist*innen versucht man sich als Freiheits- und Widerstandsbewegung zu inszenieren.

Klar ist, dass wir in diesem Text nur schlaglichtartig einzelne Aspekte beleuchten und keine umfangreiche Analyse der Demonstrationen der letzten Wochen bieten können. Wir freuen uns daher wie immer über Kommentare und Ergänzungen!

Stagnation und Aggression

Grundsätzlich befinden sich die Proteste der Corona-Rechten in Frankfurt derzeit in einer Phase der Stagnation. Die samstäglichen Aufrufe mobilisieren wöchentlich knapp 2000 Personen und bleiben damit deutlich unter den Teilnehmer*innenzahlen vom Januar. Die Demonstrationen wochentags erreichen zurzeit nur an Montagen überhaupt noch dreistellige Zahlen, an den anderen Tagen sind es oft nur wenige Dutzend Teilnehmer*innen. An einigen Tagen fiel der Protest bereits aus, obwohl eine Anmeldung vorlag, oder wurde kurzfristig verlegt. So finden sich mittwochs in Bockenheim und donnerstags in Höchst derzeit etwa 60 Teilnehmer*innen ein, dienstags in Heddernheim und donnerstags in Bornheim nur noch etwa 20 bis 40 Personen.

Dass die Teilnehmer*innenzahlen sinken, hat sicher verschiedene Gründe: Das bessere Wetter eröffnet attraktivere Optionen zur Abendgestaltung als den „Spaziergang“, die angekündigten Öffnungsschritte erschüttern den Glauben an die vermeintliche „Corona-Diktatur“ und die offensichtliche Wirkungslosigkeit der Proteste führt bei manchen zu Frustration. Der Glaube daran, für eine angebliche „schweigende Mehrheit“ zu sprechen oder als Bewegung zu wachsen, schwindet mehr und mehr. Dazu trägt auch der Gegenprotest in manchen Stadtteilen bei. Insgesamt stagnieren die Teilnehmer*innenzahlen überall in der Region oder gehen zurück. Der Krieg in der Ukraine führt seit vergangener Woche dazu, dass die Corona-Pandemie in der medialen Öffentlichkeit an Relevanz verliert. Versuche, den Krieg als Thema im Spektrum der Corona-Rechten aufzugreifen, sind bislang gescheitert: Dem Aufruf, zur Demonstration am 26. Februar in der Frankfurter Innenstadt russische und ukrainische Fahnen mitzubringen, folgte fast niemand. Eher spaltet der Ukraine-Konflikt die Szene: So bilden sich in Frankfurt ein pro-russischer und ein pro-ukrainischer Flügel heraus, was insbesondere die Organisation des „Montagsspaziergangs“ beeinflusst.

Nicht erfüllt hat sich auch die Prophezeiung, die noch vor wenigen Wochen auf den Stadtteil-„Spaziergängen“ zu hören war: Dass sich wegen der Techno-Events auf den Samstags-Veranstaltungen eine erlebnisorientierte Jugend in großer Menge einfinden wird. Doch um den „Techno-Wagen“ auf den Demos tanzen nur wenige Dutzend Personen. Es werden nicht mehr und mit den Öffnungsschritten wird auch dieses Event an Bedeutung verlieren.

Mittelfristig könnte angesichts dieser Entwicklungen nur noch ein „harter Kern“ zurückbleiben, der weiterhin an den Demonstrationen der Corona-Rechten teilnimmt. Schon jetzt ist zu beobachten, dass das Aggressionspotential auf den Demonstrationen steigt, etwa gegenüber der Presse. So kam es am 5. Februar 2022 gleich zu mehreren Angriffen auf Pressevertreter*innen, ein Fotograf wurde mit einem Getränk übergossen, ein anderer mit einem Faustschlag angegriffen.

Zum polizeilichen Handeln

Die polizeiliche Einsatztaktik besteht zurzeit darin, die „Corona-Demos“ zu ermöglichen und gegen Störungen abzuschirmen. Dabei wurde (und wird) auf den Samstags-Demos in großer Anzahl gegen Auflagen verstoßen. Die Maskenpflicht, die bis zum 19. Februar bestand, wurde von vielen Teilnehmenden konsequent ignoriert. Immer wieder forderte die Polizei über Lautsprecher-Durchsagen dazu auf, Masken zu tragen, was allenfalls dazu führte, dass sich ein paar Maskenverweigerer*innen ihre Maske bis zur nächsten Straßenecke aufsetzen und dann wieder abnahmen. Hintergrund dieser Nachsicht ist, dass Polizeieinsätze den Ablauf verzögern würden und dass sich nach einer polizeiliche Auflösung der Versammlung viele der Teilnehmenden zu „spontanen“ Spaziergängen in die menschengefüllte City begeben würden, was ein großes Chaos befürchten lässt. Insoweit ist das Handeln der Polizei nachvollziehbar. Gleichzeitig gibt sie sich jedoch Samstag für Samstag der Lächerlichkeit preis und vermittelt den Corona-Rechten ein Gefühl von Stärke, wenn sie manchmal in gar strengen Tonfall das Einhalten von Auflagen einfordert, was vielen nur ein müdes Lächeln abringt. Dazu erklären Polizist*innen, dass es sich bei der Maskenverweigerung nur um eine Ordnungswidrigkeit handele, gegen die die Polizei nicht unmittelbar vorgehen müsse. Doch wenn sie will, dann kann sie natürlich: Als 2021 auf der linken 1.-Mai-Demonstration in Frankfurt Pyrotechnik gezündet wurde (bei der niemand gefährdet wurde) nahm die Polizei dies zum Anlass, die Versammlung brutal auseinander zu prügeln und aufzulösen.Hierbei wurden wiederum mehrere Personen schwer verletzt. Doch auch der Gebrauch von Pyrotechnik stellt lediglich einen Auflagenverstoß und eine Ordnungswidrigkeit dar.

Irritierend ist weiterhin, dass die Polizei in der Regel überhöhte Zahlen der Teilnehmenden der Samstags-Demonstrationen nennt. So gab sie beispielsweise am 19. Februar bekannt, dass 3.500 Personen an der Demonstration der Corona-Rechten teilgenommen hätten. Dabei waren es 2.200, die sich kurz vor 16 Uhr an der Taunusanlage in Bewegung setzten. Selbst wenn man einrechnet, dass Nachzügler*innen hinzustießen und sich entlang der Route einzelne Menschen spontan anschlossen (was selten zu beobachten ist), dürften es an diesem Tag nicht mehr als 2.500 Personen gewesen sein. Die Polizei greift offensichtlich auf Erfahrungswerte zurück, wenn sie aus der Länge der Demonstration die Zahl der Teilnehmenden schätzt. Jedoch laufen diese nicht so gedrängt wie man es von Demonstration in Zeiten vor der Pandemie kennt, bisweilen bestehen Lücken von mehreren Metern zwischen den Grüppchen. Darüber zieht sich der Aufzug in die Länge und erscheint viel größer als er tatsächlich ist. Ärgerlich ist, dass viele Medien die falschen Angaben der Polizei übernehmen und diejenigen, die sich die Mühe machen, tatsächlich durchzuzählen – wie ASVI oder auch die VVN-BdA – am Ende als diejenigen dastehen, die schlecht informieren oder schlecht informiert sind. Am 26. Februar waren es übrigens beim Verlassen der Taunusanlage ziemlich genau 2.000 Teilnehmende des „Corona-Protests“.

Trumpismus auf den Corona-Demos

Immer wieder sind auch die sogenannten „Gadsden Flags“ zu sehen, die insbesondere in der US-amerikanischen Alt-Right-Bewegung verbreitet sind. Die gelben Fahnen, die eine aufgerichtete Klapperschlange sowie den Slogan „DON’T TREAD ON ME“ („Tritt nicht auf mich“) zeigen, wurden in den letzten Jahren zum Symbol der extremen und verschwörungsideologischen Rechten in den USA und darüber hinaus. Sie wird insbesondere von rechts-“libertären“ Spektren genutzt, die damit ihre ablehnende Haltung gegenüber Staat und Gesellschaft verdeutlichen und einen egoistischen Freiheitsbegriff vertreten, in dem staatliche Eingriffe oder Verantwortungsübernahme für die Gemeinschaft verteufelt werden.

Verschiedene “Gadsden Flags” auf der Demonstration der Corona-Rechten in Frankfurt am 5. Februar 2022. Foto: Doku.Netzwerk Frankfurt

Am 5. Februar bildete sich in Frankfurt ein kleiner „Block“, in dem drei Gadsden Flags mitgeführt wurden. Mit dabei waren mehrere Personen, die bereits zuvor als Aktive von StudentenStehenAuf aufgefallen waren. Dies ist auch nicht weiter verwunderlich, denn extrem rechte und „rechtslibertäre“ Positionen sind in den Chats von StudentenStehenAuf weit verbreitet. Am 19. Februar wurden in einem Block ca. zehn Gadsden-Flags gezeigt.

Am 5. Februar in Frankfurt: “StudentenStehenAuf” (links) und “Aktives Hessen”, Tarnstruktur der “Identitären Bewegung”, laufen nebeneinander. Man verstand sich offenbar prächtig. Foto: Doku.Netzwerk Frankfurt

Zwischen Anti-Antifa und der „wahren Antifa“

Auf den Frankfurter „Corona-Protesten“ kristallisiert sich derweil ein neues Feinbild heraus: „Die“ Antifa. Bei einer Kundgebung im Gallus am 22. Februar, maßgeblich organisiert von Marvin Störzle, wurden gleich zwei aufgenommene Redebeiträge abgespielt, die sich gegen „die Antifa“ richteten. Darin beschwert man sich insbesondere darüber, dass „die Antifa“ ihren Protest als rechtsextrem dargestellen würde. Der 19-jährige Störzle, der erst seit Anfang des Jahres auf den „Corona-Protesten“ anzutreffen ist, zählt mittlerweile zum harten Kern der Organisator*innen. Störzle kommt aus der Wetterauer CDU und präsentierte sich in Sozialen Netzwerken noch Ende 2020 als ein großer Fan von Volker Bouffier. Nach eigenen Angaben hat er seine Ausbildung als Justizfachangestellter gekündigt, da er sich nicht boostern lassen wollte.

Marvin Störzle auf dem Beifahrersitz des Techno-Wagens am 5. Februar 2022. Foto: Doku.Netzwerk Frankfurt

Dass Störzle und die anderen Akteur*innen der „Spaziergänge“ nun „die Antifa“ zum prominenten Feindbild machen, ist erstaunlich, da es bei dem Großteil der Demonstrationen derzeit allenfalls kleine Gegenproteste gibt, die noch dazu nicht etwa von autonomen Antifaschist*innen, sondern von Bürger*inneninitiativen (wie in Höchst, Heddernheim oder dem Nordend) getragen werden. Derartige Unterscheidungen lassen die Corona-Rechten aber nicht gelten: Die diverse antifaschistische Bewegung wird als einheitlicher Block imaginiert. Nahezu alle Fotojournalist*innen und Medienvertreter*innen, die die Demonstrationen dokumentieren oder von ihnen berichten, werden als „Antifa-Fotografen“ denunziert – davon ausgenommen sind freilich die Medienaktivist*innen der eigenen Szene, die in ihren Livestreams nicht selten exzessiv um Spenden betteln.

Ein typisches Bild bei den Demonstrationen der Corona-Rechten: Ein Teilnehmer der Demo filmt die Demo und den antifaschistischen Gegenprotest. Foto: ASVI

Dabei sind zwei scheinbar gegenläufige Tendenzen zu beobachten: Einerseits wird das Feindbild Antifa immer präsenter, kleine Gruppen von Gegenprotest sehen sich immer häufiger aggressiven Drohungen und Pöbeleien ausgesetzt, von bestimmten Personen aus den Reihen der Corona-Rechten werden Porträtaufnahmen von Gegendemonstrant*innen angefertigt. Andererseits sind seit einigen Wochen verstärkt Antifa-Fahnen auf den Demonstrationen der Corona-Rechten zu sehen – offenbar soll hier symbolisiert werden, dass man sich selbst für die „wahre Antifa“ im Kampf gegen einen angeblichen Faschismus halte.

Der Faschismus-Vorwurf

Diese Gegensätze bleiben nicht ohne Folgen: Am 26. Februar konnte beobachtet werden, dass der antifaschistische Gegenprotest gegen die Corona-Rechten, der sich entlang der Demo-Route am Roßmarkt sammelte, aus der verschwörungsideologischen Demonstration heraus sowohl mit den Worten „Antifa raus!“ als auch „Nazis raus!“ bezeichnet wurde. Weite Teile der Demonstrationen schienen unschlüssig darüber, ob man „die Antifa“ nun als Feind ausmachen oder sich selbst als antifaschistisch deklarieren solle.

An diesem Beispiel wird besonders deutlich, dass die Corona-Rechten mit einem Faschismusbegriff hantieren, der von jeglichem Inhalt entleert ist. So ist auf Plakaten und Flugblättern etwa von „Konzernfaschismus“ oder „Pharmafaschismus“ die Rede, (linke) Antifas sind gar die „Fußtruppen des globalen Faschismus“, ohne dass deutlich wird, was an den thematisierten Entwicklungen denn faschistisch sein soll. Faschismus bezeichnet im Kern Bewegungen und Ideologien, die sich in antidemokratischer Weise nach einem Führerprinzip organisieren und inhaltlich durch nationalistische, patriarchale, minderheitenfeindliche und antiemanzipatorische Inhalte gekennzeichnet sind. Offensichtlich geht es aber beim Gerede von „Konzernfaschismus“ hauptsächlich darum, keine schlüssige, emanzipatorische Kritik am Kapitalismus in Krisenzeiten formulieren zu müssen und stattdessen den Diktatur- und Faschismusbegriff beliebig auszudehnen, um sich selbst ins Recht zu setzen und politische Gegner*innen zu diskreditieren. Wenn dann noch Teile der Corona-Rechten Antifa-Fahnen schwenken, ist die Realitätsverweigerung komplett.

Antifa-Symbolik bei den Corona-Rechten am 19. Februar 2022: Was genau “Konzern-Faschismus” sein soll, bleibt ein Rätsel. Foto: ASVI

Insofern sollte sich auch die linke Kritik an den Corona-Rechten davor hüten, den Faschismusbegriff pauschal zu verwenden. Wie wir schon in unserem Beitrag zur Begriffsbestimmung argumentiert haben, handelt es sich um eine reaktionäre Bewegung, in der zahlreiche menschen- und gesellschaftsfeindliche Ideologien ihren selbstverständlichen Platz haben. Doch es ist keine nazistische oder faschistische Bewegung. Die antifaschistische Bewegung sollte zur Schärfung des Begriffs beitragen und nicht zu dessen Verwässerung.

Die AfD hat den Zug verpasst

Mit einer Kundgebung am 5. Februar in Friedberg unter dem Motto „Freiheit statt Impfzwang“ versuchte die hessische AfD, doch noch einen Fuß in die Bewegung der Corona-Rechten zu bekommen. Dabei sollte Friedberg nur der Anfang einer Reihe von AfD-Aufzügen zum Thema sein, am 5. März folgt die Fortsetzung in Wiesbaden. Zwar sind AfD-Propaganda und auch Wahlaufrufe in den Chatgruppen der Corona-Rechten überall zu finden, eine tatsächliche Wirkung innerhalb der Szene hat die AfD aber hier in der Region nicht entfalten können. Die FunktionärInnen der AfD scheinen mit dem Milieu der Corona-Rechten zu fremdeln. Zwar waren in der Anfangszeit der Proteste im Jahr 2020 einzelne AfDler präsent und auch der AfD-Landtagsabgeordnete Andreas Lichert kam am 27. November 2021 mit einer kleinen Entourage auf die Frankfurter Corona-Demo, doch es blieb bei einzelnen Auftritten, So verwundert es auch nicht, dass es nicht gelang, Teilnehmer*innen der Corona-Demo am 5. Februar in Frankfurt nach Friedberg zu locken; dort sammelte sich stattdessen ein AfD-Publikum, das ansonsten kaum auf Corona-Demos erscheint. Auch von der AfD-Abspaltung „Liberal-Konservative Reformer“ (LKR) sind bisher nur einzelne Protagonisten auf den „Corona-Protesten“ aufgetaucht.

Mit einer Kundgebung in Friedberg versuchte die AfD am 5. Februar, auch im Milieu der Corona-Rechten Erfolge zu landen. Zur Kundgebung erschien aber lediglich AfD-Publikum. Foto: Pixelarchiv
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Die Abgründe der Menschheitsfamilie

Nach der Veröffentlichung unserer großen Recherche zum aktuellen Stand der Corona-Rechten werden wir fortan in unregelmäßigen Abständen Updates posten. Der hier vorliegende Text bezieht sich auf den Zeitraum vom 17. bis 28. Januar 2022.

Das Netzwerk Rhein-Main steht auf etabliert sich in der Organisierung von „Corona-Protesten“. Knapp 1000 Personen folgten ihrem Aufruf zu einem „großen Marsch für Frieden und Zusammenhalt“ am 22. Januar 2022 durch die Offenbacher Innenstadt. Als Bündnispartnerin standen Rhein-Main steht auf unter anderem die Freidenker Offenbach zur Seite, eine Ortsgruppe des aus einer linken Geschichte kommenden Deutschen Freidenker-Verbandes e.V., der noch im April 2020 Veranstaltungen im Offenbacher Naturfreundehaus durchführte. Mitglieder der Offenbacher Naturfreunde fanden sich am 22. Januar freilich auf der Gegenveranstaltung am Offenbacher Rathaus, die von einem Aktionsbündnis verschiedener Initiativen und Verbände organisiert worden war. Zur Teilnahme an der Demonstration der Corona-Rechten hatte auch die Offenbacher Alternative für Deutschland (AfD) aufgerufen, doch sie machte sich vor Ort nicht bemerkbar.
Eine Zählung am Anfang des Aufzuges ergab 910 Teilnehmende, eine Handvoll Personen schloss sich im weiteren Verlauf an. Die NPD erschien mit einer kleinen Gruppe und einem Transparent mit unmissverständlich nazistischer Propaganda: „Volksgemeinschaft statt Spaltung“. Dennoch waren die Neonazis an diesem Tag nicht „nur“ geduldet, sondern akzeptiert. Immer wieder gesellten sich Personen aus dem Kreis der Organisator*innen zur NPD-Truppe um die Parteifunktionäre Daniel Lachmann (Büdingen), Markus Lotz (Altenstadt) und Stefan Jagsch (Altenstadt), plauderten und scherzten mit ihnen. Dass sich die NPD – völlig zu Recht – willkommen gefühlt hatte, dokumentiert sie selbst in einem Video über ihren Auftritt, der bereits am nächsten Tag online ging.

NPD in Offenbach am 22. Januar 2022.
NPD in Offenbach am 22. Januar 2022: unbekannt, Stefan Jagsch, Daniel Lachmann (v.l.n.r.). Foto: Protest.Foto Südhessen

Der Umgang mit der NPD an diesem Tag zeigt auch, dass es mitunter irreführend ist, von einer „Unterwanderung der Corona-Proteste“ durch extreme Rechte zu reden und zu schreiben. Das Vokabular „Unterwandern“ suggeriert, es handele sich dabei um ein verstecktes Einschleichen in eine Gruppe, Organisation oder Bewegung mit dem Ziel, diese zu prägen oder gar zu „übernehmen“. Doch die Neonazis schleichen sich nicht in die „Corona-Proteste“ ein und sie verstecken dort nichts. Sie treten offen neonazistisch auf und teilen ihre Aktivitäten und ihre damit verbundenen Hoffnungen und Ziele öffentlich mit. Sie sind – zumindest am 22. Januar in Offenbach – mit ihrer Volksgemeinschaft-Ideologie kein „eingedrungener“, sondern ein akzeptierter und integrierter Bestandteil der „Corona-Proteste“.

Eine Szene sollte diesen Tag prägen: Als Antifaschist*innen am Rande des Aufzuges gegen Verschwörungsideologien und den Schulterschluss von Corona-Leugner*innen und Impfgegner*innen mit extremen Rechten protestieren, schrie ihnen eine Teilnehmerin des „Corona-Protests“ mehrfach voller Inbrunst „Nazis raus!“ entgegen. Derweil zog keine zwei Meter hinter ihr die NPD mit ihrem Transparent vorbei. Das Video dieser Szene ging viral, denn deutlicher lassen sich Realitätsverlust und -verweigerung innerhalb der Corona-Rechten kaum veranschaulichen.

In Frankfurt hatte am 22. Januar der Kreis um den Bad Homburger Unternehmer Christoph Pfeiffer das organisatorische Zepter in der Hand. Pfeiffer trat dabei nicht in den Vordergrund, doch er schaffte die Technik herbei und filmte das Event. Seine Filme werden auf dem Videoportal Bitchute (Kanal „der_nachdenkende_mensch“) veröffentlicht.

An der Veranstaltung, die ab 15 Uhr im Holzhausenpark im Frankfurter Nordend begann, nahmen knapp 2.500 Personen teil. In Reihen der Corona-Rechten kursieren bis heute Fantasiezahlen bis zu 20.000 Teilnehmenden, doch tatsächlich wurden zu Beginn der Demonstration 2.100 und um 17 Uhr an der Konstablerwache 2.500 Teilnehmende gezählt. Da diese in lockeren Reihen liefen, war der Aufzug jedoch weit mehr als einen Kilometer lang, was den Eindruck erwecken konnte, es wären viele tausend Menschen beteiligt. Auffällig war der Charakter der Demonstration, die mit dröhnenden Bässen und einem Wagen, auf dem getanzt wurde, stellenweise eher einer Techno-Parade glich als einer Demo.

Richard Nzoulé am 22. Januar 2022 in Frankfurt. Foto: Protest.Foto Südhessen

Anmelder war wie schon am 15. Januar der Frankfurter Richard Nzoulé. Er ist von Beruf Motivationscoach und „Personal Trainer“ in Sachen Fitness für wohlhabendes Frankfurter Klientel. In seinen Aussagen – nachzulesen auf seinem Facebook-Profil (gesichert am 24.1.2022) – vergleicht Nzoulé die Maskenpflicht mit den Verbrechen der Sklaverei. Er teilt Pöbeleien gegen Fridays for Future, hetzt gegen das Impfen, verharmlost die Pandemie und bezieht sich dabei vielfach auf rechte Quellen, wie auf Kanäle der AfD oder auf den österreichischen Fernsehsender ServusTV, der mehrfach Falschinformationen zur CoViD-19-Pandemie verbreitete. Als Schwarzer Aktivist in der Szene der Corona-Rechten kommt Nzoulé eine besondere Rolle zu: So führt ihn sein rechtes Umfeld ein ums andere Mal als „Beweis“ vor, ihre Bewegung, die täglich in Frankfurt auf die Straßen geht, sei frei von Rassismus und „Extremismus“.

Tatsächlich war der „Corona-Protest“ am 22. Januar in Frankfurt ein Stelldichein rechter WichtigmacherInnen. So trat die mittlerweile allgegewärtige Ingrid Reich auf, die im Holzhausen-Park eine Rede hielt. Auch auf den Stadtteil-Aufzügen greift sie immer wieder zum Mega- oder Mikrofon. In ihren Reden und in selbstgemachten Flugblättern, die sie auf den Demonstrationen verteilt, vertritt sie die wahnhaft anmutende Vorstellung, dass durch Impfungen Millionen von Menschen mittels „Giftspritzen“ ermordet werden (sollen). Dabei verweist Reich, die bei den letzten Kommunalwahlen für die FDP kandidierte, immer wieder auf den rechten Verschwörungsideologen Oliver Janich. Der ist Anhänger des QAnon-Kultes, Autor in der extrem rechten Zeitschrift Compact Magazin und hatte gefordert, Joe Biden und George Soros aufzuhängen sowie deutsche Regierungsmitglieder standrechtlich hinzurichten. Janich radikalisiert die Szene der Impfgegner*innen dadurch, dass er propagiert, dass sich jeder Mensch auch unter Einsatz von Schusswaffen dagegen wehren dürfe, „zwangsgeimpft“ zu werden.

Richard Nzoulé, Ingrid Reich, Thorsten Schulte
Richard Nzoulé, Ingrid Reich, Thorsten Schulte (v.l.n.r.) am 22. Januar 2022 im Holzhausenpark. Foto: ASVI

Hauptredner im Holzhausen-Park war Thorsten Schulte, der nachfolgend auch den Aufzug anführte und mit der Polizei verhandelte. Schulte ist ein sogenannter „Crash-Prophet“, ein Vollprofi im Business mit der Angst. Sein durch und durch niederträchtiges Geschäftsmodell hatten wir bereits im Dezember 2020 in unserer Broschüre „Ohne Maske gegen Soros“ beschrieben. Schulte, genannt „Silberjunge“, beschwört den bevorstehenden Zusammenbruch des wirtschaftlichen und politischen Systems und empfiehlt vorsorgend die Wertanlage in Edelmetallen. Ein Geschäft, in dem er als Händler von Edelmetall und Autor von Fachbüchern gut verdient. Dabei propagiert Schulte mitunter offenen Rassismus, um die Angst seines Publikums zu schüren. So warnte er auf einer „Konferenz für Grenzwissen“ im Jahr 2020 etwa vor der Abschaffung der deutschen Nationalität hin zu einer „negroiden Zukunftsrasse“, die bereits seit den 1920er Jahren forciert werde. Bei seinen Auftritten bei der AfD, bei PEGIDA und nun bei den Corona-Rechten sucht sich Schulte aus der bunten Palette der Verschwörungsmythen jene aus, mit denen er das jeweilige Publikum einzunehmen weiß. Am Samstag, dem 22. Januar, trafen sich in Frankfurt eben nicht mehrheitlich zornige RassistInnen von PEGIDA, sondern das, was sich selbst eine bunte „Menschheitsfamilie“ nennt. In den verschiedenen Ecken des Holzhausen-Parks dudelte Musik von Nena („99 Luftballons“), Marius Müller-Westernhagen („Freiheit“) und Joan Baez („We shall overcome“), es waren mehr Peace-Zeichen und Friedenstauben als AfD-Logos zu sehen und der Schwarze Anmelder stand neben Schulte auf der Parkbank, von der die Reden gehalten wurden. So verkniff sich Schulte rassistische Dystopien, zitierte stattdessen Mahatma Gandhi und kumpelte Nzoulé in aufdringlicher Weise an. Dies gipfelte darin, dass er am Ende seiner Rede ein Buch von Martin Luther King in die Höhe hielt und diesen als Freiheitskämpfer und Vorbild im Kampf gegen eine „Corona-Diktatur“ preis. Eine an Perfidie kaum zu übertreffende Inszenierung, die der Großteil der anwesenden „Menschheitsfamilie“ mit tosendem Applaus bedachte. Nur die kleine Gruppe der AfD-Jugendorganisation Junge Alternative (JA),  unter ihnen der stellvertretende Landesvorsitzende Nils Andersen (Frankfurt) und der Landesschatzmeister Manuel Wurm (Rödermark), klatschte in diesem Moment nicht und blickte stattdessen säuerlich drein. Doch beim nächsten Auftritt von Schulte bei der AfD werden sie ihrem „Silberjungen“ wieder zujubeln, wenn er den rassistischen Verschwörungsmythos vom „Großen Austausch“ bedient.

Dominik Asch, Manuel Wurm, Nils Andersen
Ein Teil der Gruppe der Jungen Alternative am 22. Januar 2022 im Holzhausenpark: V.l.n.r.: Dominik Asch (Schöneck), Manuel Wurm (Rödermark), Nils Andersen (Frankfurt). Foto: ASVI

Zwischenzeitlich gesellte sich auch Felix Straubinger zur JA-Gruppe, der zuletzt im Mai 2020 mit dem Banner „Heimatschutz statt Mundschutz“ in Frankfurt aufgefallen war. So war es kein Wunder, dass am Rande der Route einzelne Sticker der „Jungen Bewegung Hessen“ auftauchten.

Widerstand 4.0 am 22. Januar 2022 in Frankfurt. Foto: Protest.Foto Südhessen

Das Grüppchen Widerstand 4.0 um Regina Stöber-Yurdakul und Gundolf Hambrock, die Pfeiffer erst unlängst die Zusammenarbeit aufkündigten, reihte sich mit einem Transparent in den Aufzug ein, verteilte Flugblätter und hielt über ein Megafon Reden, in denen sie die „Anerkennung der natürlichen Immunität“ forderten, Ungeimpfte zu „Freiheitshelden“ erklärten und den Bogen zu einer „Zentralbankkryptowährung“ und zur „digitalen Sklaverei“ schlugen. Doch zu einer Kundgebung am 25. Januar 2022 auf dem Opernplatz, für die Widerstand 4.0 auf der Demonstration am 22. Januar massiv geworben hatte, kamen dann gerade einmal 17 Personen. So bleibt als vorläufiges Resümee festzuhalten: Im November und Dezember 2021 spielten Hambrock und Stöber-Yurdakul für einige Wochen eine erhebliche Rolle bei den Frankfurter „Corona-Protesten“, da sie die Initiative zur Durchführung der ersten „großen“ Demonstration ergriffen hatten. Nun haben sich andere „Player“ das notwendige Knowhow angeeignet und – vor allem dank Telegram – funktionierende Netzwerke und Mobilisierungssysteme geschaffen. Die Kundgebungen von Widerstand 4.0, auf denen Hambrock und Stöber-Yurdakul ein ums andere Mal die Welt erklären, wirken im Gegensatz zu den „Spaziergängen“ und den Demonstrations-Events fürchterlich altbacken und unattraktiv. So dürfte der Weg von Widerstand 4.0 in die völlige Bedeutungslosigkeit führen.

Derweilen halten die täglichen „Aufzüge“ und „Spaziergänge“ in den Stadtteilen an. Wenngleich die Anzahl der Teilnehmenden der einzelnen Veranstaltungen leicht gesunken ist, so stellt sich das Geschehen weiterhin recht dynamisch dar. Am 25. Januar, als Widerstand 4.0 mit 17 Personen an der Alten Oper herum stand, fand gleichzeitig ein Aufzug von 80 Personen in Frankfurt-Heddernheim sowie ein „Spaziergang“ mit knapp 60 Teilnehmenden im Europaviertel und im Gallus statt. Auch die montäglichen „Spaziergänge“ in Frankfurt und zahlreichen Orten im Umland verzeichnen stagnierende oder leicht rückläufige Teilnehmer*innenzahlen, finden aber weiterhin statt.

Eine Frau hatte sich am 27. Januar 2022, dem Jahrestag der Auschwitz-Befreiung, in Frankfurt-Höchst einen Davidstern mit der Aufschrift “Gesund” angeheftet und wollte an der Demonstration der Corona-Rechten teilnehmen, erhielt aber von der Polizei nach einiger Zeit einen Platzverweis. Foto: Konstantin Hirsch

Der Charakter der „Spaziergänge“ hat sich dabei vielerorts gewandelt. Anfangs liefen diese vielfach mit einer Standardrede vom Band und ansonsten recht lautlos ab, mittlerweile werden beständig Sprechchöre angestimmt, meist wird auch eine Musikanlage mitgeführt. Die Teilnehmenden sind auf einander eingespielt und haben an Sicherheit und Selbstvertrauen gewonnen. Vor allem: Sie haben sich kennen gelernt und sozial miteinander verbunden, die Stimmung ist familiär, man verabredet sich, bestärkt sich, schwört sich ein. Jedoch zeigen sich manche ob des massiven Protests, der sich in einzelnen Stadtteilen gegen diese Aufzüge formiert, irritiert. Vor allem in Heddernheim standen ihnen mehrfach bis zu 300 wütende Anwohner*innen gegenüber, die sie unter anderem mit Wasser begossen und mit Eiern bewarfen. Dies mag und wird manche Person abschrecken, die nicht dem harten kern der Szene zugehört. In diesem harten Kern ist der Realitätsverlust jedoch offensichtlich so weit fortgeschritten, dass diese Proteste von ihnen abprallen. Denn sie sehen sich als die Avantgarde eines Freiheitskampfes und auf einer Mission zur Errettung der „Menschheitsfamilie“.

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Umfassende Recherche zu den Corona-Rechten in Frankfurt und Umgebung veröffentlicht

In den vergangenen Wochen konnten wir verstärkt Demonstrationen und andere politische Aktionen der Corona-Rechten in Frankfurt und Umgebung beobachten, teils mit deutlich höherer Teilnehmer*innenzahl als zuvor. Aus diesem Grund legen wir eine neue, umfassende Recherche vor, die die aktuell wichtigsten Strukturen und Personen offenlegt.

Über Hinweise und Ergänzungen freuen wir uns wie immer sehr. Schreibt uns!