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Reflexion zum 14.11.: Anmerkungen zu Blockaden und Spontandemonstration

Der folgende Text wurde uns mit der Bitte um Veröffentlichung zugeschickt. Er bezieht sich auf unsere Reflexion zum Samstag, dem 14.11., die wir auf diesem Blog veröffentlicht haben. Der Text, den uns die Genoss*innen geschickt haben, diskutiert Strategien in Blockaden und nimmt insbesondere die abschließende Spontandemonstration in den Blick. Wir danken den Genoss*innen für die Ensendung, veröffentlichen den Text gern und hoffen auf eine breite Debatte darüber, was nötig ist, um in der Praxis auch in Massenaktionen handlungsfähig zu bleiben. Wir freuen uns auch auf weitere Beiträge zum Thema, schickt uns diese gern zu!

Liebe Genoss*innen,

wir haben uns als Kleingruppe entschieden eine Reflexion über die Geschehnisse am 14.11.2020 zu schreiben. Wir wollen darauf hinweisen, dass unsere Analyse eine subjektive Sichtweise widerspiegelt und als Ergänzung zum Rückblick der ASVI betrachtet werden kann. Wir werten den 14.11 ebenfalls Erfolg, möchten aber auf einige Aspekte hinweisen, die für zukünftige Aktionen relevant sein könnten.

Dazu zunächst ein paar allgemeine Sachen, die uns aufgefallen sind: Die Informations- und Kommunikationsstruktur innerhalb der Blockaden gestaltete sich, wie von euch bereits angesprochen als schwierig. Informationen wurden nur sehr langsam oder gar nicht innerhalb der Blockaden verbreitet. Es war teilweise nicht klar, ob die Blockade noch sinnvoll positioniert war und wo sich die Demo der Corona-Leugner*innen befindet. Zugang zu validen Informationen bedeutet handlungsfähig zu bleiben und ist in Situationen in denen Mensch ohne Handy agiert umso wichtiger. Je nachdem um welche Informationen es geht, könnten diese vermehrt durch Megaphon, Rufen oder „stille Post“ verbreitet werden. Eine allgemeine Information, wie die aktuelle Position der zu blockierenden Demo kann durchaus in regelmäßigen Abständen laut durchgesagt werden. Sollte eine Bewegung der Blockade oder ähnliches stattfinden, macht es Sinn kurz vorher per „stille Post“ oder Handzeichen möglichst viele Menschen zu informieren, die sich dann darauf vorbereiten können. Trotzdem sollten sich alle bewusst sein, dass Zivibullen innerhalb der Demo sein können.

Auf eure Frage nach dem Umgang mit Kleingruppen von Corona-Leugner*innen ist es schwer eine allgemeine Antwort zu geben, da die Gruppen doch sehr heterogen sind. Zumindest im direkten Umfeld der Blockaden wurde eine entschlossene Antwort gefunden, indem sich oft spontan Menschen zusammengefunden haben um Corona-Leugner*innen die ohne Maske pöbelnd oder filmend am Rand standen konsequent wegzuschicken und ihnen klarzumachen, dass wir keinen Platz für Antisemitismus und Verschwörungsideologien bieten.

Ergeben sich dynamische Situationen oder kommt es zu Ortswechseln können verschiedene Strategien hilfreich sein, um Chaos zu stiften und Wege zu blockieren. Durch breites Laufen auf der Straße oder lange Transpis wird der Verkehr blockiert, es bilden sich Staus, die auch automatisch Wege für die Cops blockieren. Zudem kann es hilfreich sein Barrikaden zu bauen. Einerseits werden dadurch Wege blockiert, andererseits können Cops abgezogen werden, die Situation bleibt dynamisch und es ergeben sich möglicherweise anderswo Lücken.

Während die Blockaden erfolgreich waren, kann man dies über die Spontandemo leider nicht sagen. Die Idee, den bis dahin erfolgreichen Tag selbstgewählt und ausdrucksstark durch eine Sponti zu beenden, ist gut. Vorteile dabei sind sich spontan die Straße zu nehmen, eine Gegenöffentlichkeit herzustellen und kollektiv sicher aus dem Gebiet zu kommen.

Allerdings gelang es bereits beim Loslaufen der Sponti nicht, sich ausreichend zu organisieren. Schon hier zeichnete sich die später fehlende Durchschlagskraft der Sponti ab. Wir möchten an dieser Stelle ein paar Punkte ansprechen, um für nächste Aktionen besser vorbereitet zu sein: Trotz Eile und Hektik sollte die Aufstellung der Demo nicht vernachlässigt werden. Der  Durchbruchversuch in der Kaiserstraße gestaltete sich erfolglos, da es eine große Lücke nach den ersten Reihen gab und so nicht genug Druck von den hinteren Reihen entstand, um die Polizeikette zu durchbrechen. Etwaige Überraschungseffekte gehen so schnell verloren. Nicht nur in einer solchen Situation, sondern auch in Blockaden kann es ein kollektives Gefühl der Sicherheit geben Ketten zu bilden, um gemeinsam Ängste zu überwinden und keine großen Lücken entstehen zu zulassen, an denen die Demo oder Blockade gespalten werden kann. In unübersichtlichen Situationen ist es essentiell, ruhig zu bleiben und nicht in Panik zu verfallen. Panisches wegrennen von Wenigen führt häufig zu Kettenreaktionen, so dass die Standhaftigkeit der Demo maßgeblich geschwächt werden kann, oder sie sich selbst auflöst/zerstreut. Außerdem kann es passieren, dass einzelne Menschen zurückgelassen werden und Lücken in der Demo/dem Block entstehen. Lücken erleichtern es den Cops diese zu teilen, auseinander zu schlagen oder zu kesseln. Ziel sollte immer sein auch in stressigen Situationen solidarisch und kollektiv aufzutreten. Um diese Situationen zu verdeutlichen, möchten wir an dieser Stelle auf die Auswertungen verschiedener Aktionen dieses Jahres in Berlin im Zuge des Protestes der Interkiezionale hinweisen. Mit Blick auf die Sponti vom 14.11.2020 in Frankfurt, sind hierbei vor allem die letzten Punkte der Analyse mit den Links zu verschiedenen Beispielen von positiven und negativen Durchbruchsversuchen von Demozügen zu erwähnen.

Für zukünftige Aktionen wie Blockaden, angemeldete Demos oder unangemeldete Spontis ist es wichtig sich in Eigeninitiative gut vorzubereiten. Das bedeutet zum einen „banale“ Sachen, wie sich in der Gegend auszukennen, falls vorher bekannt Aktionskarten zu studieren oder die Kleidungsfrage für sich selbst zu klären. Zum anderen sollten sich Bezugsgruppen absprechen, welches Aktionslevel sie eingehen wollen und wie in bestimmten Situationen reagiert wird (Verweis Bezugsgruppenreader). Perspektivisch kann es ebenfalls sinnvoll sein in einem Aktions- oder Blockadetraining bestimmte Situationen durchzuspielen, um so Ängsten vorzubeugen und Panikreaktionen zu vermeiden.

Ein weiterer Punkt, den wir thematisieren möchten, ist das Mitschieben von Fahrrädern auf den  Demonstrationen. Speziell am 14.11.2020 aber auch bei anderen Aktionen scheint es immer populärer zu werden mit dem Fahrrad in Demos zu laufen. Fahrräder schränken die Bewegungsmöglichkeit ein, verhindern ein geschlossenes Laufen,  blockieren die Hände und verursachen erhöhte Stolper und Verletzungsgefahr. Lasst zukünftig eure Fahrräder zuhause oder schließt sie im Umkreis ab!

Abschließend möchten wir noch auf eine Sache verweisen. Den Wasserwerfereinsatz am Roßmarkt zu beklatschen und damit das Vorgehen der Bullen (Polizeigewalt, Repression) zu legitimieren,  erscheint fragwürdig. Sowohl Staat als auch Polizei schützen in erster Linie Kapitalinteressen und geben sich im Zuge der Pandemie zunehmend autoritärer. Wir als radikale Linke können und dürfen uns Nichts von diesen Institutionen erwarten, es gilt sich selbst zu organisieren, um solidarische Antworten auf aktuelle Krisen zu finden.